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Inhalt:

Die Geschichte

Unter diesem Punkt möchte ich den Versuch unternehmen die Geschichte dieses kleinen Landes kurz und knapp und ich hoffe auch gut verständlich darzustellen. Zur Veranschaulichung benutze ich einige Übersichtskarten, die ich so in verschiedenen Beiträgen unter Wikipedia gefunden habe. Ich greife auch sonst auf solche Beiträge zurück, die durch Links gekennzeichnet sind. Ob diese Wikipedia Beiträge der Wahrheit entsprechen, dafür kann ich keine Gewährleistung geben. Die meisten, und ich nutze nur diese, sind gut recherchiert. Ich habe zusätzlich auch Standardwerke, die mir verfügbar waren, berücksichtigt. Einige verwendete Karten und Grafiken können mit einem Klick vergrößert werden.

Unter dem Menüpunkt „Geschichte“ gibt es einige Untermenüs zur weiteren Präzisierung der Themen. So müssen auch immer die territorialen Nachbarn in ihrer geschichtlichen Entwicklung mit betrachtet werden. Ich habe das hier so aufgeschrieben, um das Thema für mich aufzuarbeiten und die Entwicklung zu verstehen. Das Studium der Geschichte hat mir sehr viel Freude bereitet, auch wenn alles vielleicht noch etwas amateurhaft dargestellt ist. Das Ziel war die Familiengeschichten im ehemaligen Fürstentum Ratzeburg und im Travemünder Winkel, der Landgebiete eben aus dem auch eine Vielzahl meiner Vorfahren stammen, historisch einzuordnen.

Geschichtliche Beschreibungen sind oft vom persönlichen Standpunkt abhängig und es kommt so zu unterschiedlichen Deutungen, die auch von der Zeit abhängen. Für römische Geschichtsschreiber waren die Germanen Feinde, Barbaren, ungebildet und roh. Trotz scheinbarer Objektivität ihrer Schriften ist das so. Später mit der Entstehung des „Deutschtums“ und des Nationalismus Mitte des 19. Jh. wurde das „Germanentum“ in den Himmel gehoben. Nun fallen aber alle Übersetzungen der lateinischen, römischen Schriften, die ich gelesen habe, in diese Zeit des Erwachens des nationalen Deutschlands. Vielleicht hat das die Übersetzung beeinflusst. Das gilt auch für die „Völkerwanderung“. Der Begriff „Völker“ spielte damals eine große Rolle in der Geschichtsschreibung. Wer heute einen DNA-Test z.B. über das Ahnenforschungsprogramm Ancestry macht, wird sich wundern, welche genetische Vielfalt in jedem von uns steckt trotz „Völker“ und „Wanderung“.

Die Missionare, die Verbreiter des Christentums, wurden oft heiliggesprochen. Sie vertraten das Gute, das Menschliche. Sie brachten das Heil Gottes. So gestalteten sich auch die Schriften ihrer Historiker. Über die Methoden der Durchsetzung wurde geschwiegen. Wie haben das wohl die Betroffenen die Sachsen, die Dänen, die Schweden und die Slawen empfunden? Ging es bei den Mächtigen der Kirche um eigene Interessen so wurden auch mal Dokumente gefälscht und Urkunden im Nachhinein ausgestellt.

Es ist also auch heute noch immer schwer ein objektives Abbild einer Geschichte zu entwerfen.

Die vorchristliche Zeit

Von einer Besiedelung unseres Landes vor 3500 v. Chr. in der mittleren Jungsteinzeit zeugen zahlreiche Großsteingräber oder auch Hünengräber genannt.

Die ersten historischen Beschreibungen aus der vorchristlichen Zeit sind uns nur durch römische Geschichtsschreiber überliefert. Danach lebten zu deren Zeit germanische Stämme hier, die aus nördlichen, nordischen Gegenden eingewandert waren.

Publius Cornelius Tacitus (*um 58, †um 120) gibt einen Einblick in das Land der germanischen Völker in seiner Schrift Germania (98 n. Chr.). Ab dem 38. Kapitel beschreibt er alle elb- und ostgermanischen Stämme südlich des Mare Suebicum (Ostsee) zwischen Elbe und Weichsel (von der Donau bis zur Ostsee). Er zählt sie zu dem Stammesbund der Suebi. In der Einleitung seiner Schrift erwähnt er, dass die Sueben möglicherweise direkt von Mannus abstammen, dem Stammvater aller Germanen und Sohn des der Erde entsprossenen Gottes Tuisto.1)

 

 

Charakteristisch für diese Völker war das Tragen eines Haarknotens. „Bezeichnend für den Stamm ist die Sitte, das Haar nach hinten überzustreichen und in einen Knoten zusammenzubinden. So sondern sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei den Sueben die Freien von den Sklaven“ (aus Tacitus, Germania, 38. Kap.).

Suebenknoten am Kopf der Moorleiche von Osterby

Die Karte unten zeigt, wie die Ansiedlung der germanischen Stämme um die Zeit um 100 n. Chr. ausgesehen haben könnte.

Karte der germanischen Stämme um 100 n. Chr. (ohne Skandinavien)

„Die Reudinger sodann, die Avionen, Anglier, Variner, Eudosen, Suardonen und Ruithonen sind durch Flüsse und Wälder geschützt. Bemerkenswerthes findet sich bei ihnen im Einzelnen nicht, außer daß sie gemeinschaftlich die Rerthus, das ist: die Mutter Erde, verehren, …“ (aus Tacitus, Germania, Kap. 40).

Das Siedlungsgebiet der Warnen (auch Wariner, Varinner, Varinne, Variner, lat. Varini, Varni) scheint im westlichen Mecklenburg gelegen zu haben. Sie haben sicher in einem sehr unwegsamen Gebiet gesiedelt, denn sie waren durch Flüsse und tiefe Wälder vor Feinden geschützt, und zählten zu den kleinen und unkriegerischen Stämmen.

Das Römische Reich hatte um 100 n. Chr. seine größte Ausdehnung. Die Teilung des Reiches in West- und Oströmisches Reich wird auf 395 datiert, der Untergang des Römischen Reiches im Westen auf 476/480. Die Karte zeigt das Reich im Jahre 125. Die grün gedruckten Völkerstämme charakterisieren die damaligen Siedlungsgebiete der Slawen im Osten Europas.

Das Römischen Reich im Jahre 125 n. Chr. unter Kaiser Hadrian

Ungefähr im 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. ist wohl der größte Teil der Warnen zusammen mit Volksteilen der benachbarten Angeln aus der Gegend in damalige Siedlungsgebiete der Hermunduren (Raum Thüringen) ausgewandert. Ein Teil mag zurückgeblieben sein und sich mit den im 6. bis 8. Jahrhundert nachrückenden Slawen vermischt haben. Carl Ferdinand Fabricius ein Heimatforscher aus Stralsund entwickelte zu diesem Bevölkerungswechsel in seinem Aufsatz „Das frühere Slaventhum der zu Deutschland gehörigen Ostsee-Länder“ eine sehr interessante, aber auch sehr wagemutige Theorie, die darauf beruht, dass das Kernvolk der Germanen, in den uns interessierenden Gebieten erhalten blieb und ihm nur eine slawische Herrscherdynastie aufgesetzt wurde, die dann während der Besiedelung rechtmäßig wieder vertrieben wurde. Damit war die Kolonialisierung nur eine Befreiung der unterdrückten Germanen von den Slawen.2) Über den Bevölkerungswechsel gibt es unterschiedliche Theorien, auf die ich auf der Seite „Die Herren von Mecklenburg“ weiter eingehen werde.

Die germanischen Siedlungsbewegungen waren nach Westen und Süden gerichtet und verfolgten zuerst das Ziel am Wohlstand des römischen Imperiums teilzuhaben. Sie gipfelten in der Völkerwanderung, die mit dem kriegerischen Einbruch der Hunnen in germanische Siedlungsgebiete um 375/376 begann und mit dem Einfall der Langobarden in Italien 568 endete. Die moderne Geschichtsschreibung sieht in der Völkerwanderung einen langwierigen Migrationsprozess (Migrationssoziologie), bei dem sicher nicht ganze „Völker wanderten“ sondern vornehmlich Volksgruppen oft kriegerische Verbände mit ihrem Tross, die neue Gebiete besetzten und ihnen ihren ethnischen Stempel aufdrückten oder auch nicht (z.B. die Langobarden in Italien, die die Lebensgewohnheiten der einheimischen Bevölkerung annahmen). Der Historiker Prof. M. Meier charakterisiert und beschreibt diesen Prozess der Völkerwanderung unter dem Aspekt der modernen Geschichtsschreibung.3)

Die herkömmliche Rekonstruktion der sogenannten Völkerwanderungen des zweiten bis fünften Jahrhunderts

Auf dem Territorium des Weströmischen Reiches entstanden neue Reiche unter anderem auch das Frankenreich. Chlodwig I., ein König aus dem Geschlecht der Merowinger, begründete das erste bedeutende Reich. Mit Karl dem Großen (*747 oder 748, †28. Januar 814 in Aachen) übernahmen die Karolinger endgültig die Herrschaft über das Frankenreich. Das Frankenreich stieg zu einer neuen Großmacht auf. Es umfasste den Kernteil der frühmittelalterlichen lateinischen Christenheit und war bis dahin das bedeutendste staatliche Gebilde im Westen seit dem Fall Westroms. Zu Weihnachten des Jahres 800 wurde Karl der Große von Papst Leo III. zum ersten römisch-deutschen Kaiser gekrönt.

Denn die Kaiserwürde, welche seit Constantin viele Menschenalter hindurch in Griechenland, in der Stadt Constantinopel, glorreich und blühend bestanden hatte, gerieth , als es dort an Männern königlichen Stammes zu fehlen begann , so offenbar in Verfall , daß der Staat , dem in seiner ursprünglichen Kraft drei Consuln , Dictatoren oder Kaiser zu gleicher Zeit kaum genügten, endlich von Weibeshand gelenkt wurde. Als sich daher von allen Seiten gegen das Reich Empörer erhoben und beinahe alle Staaten Europas vom Kaiser abgefallen waren, und als selbst die Stadt Rom, die Mutter des Erdkreises, durch kriegerische Angriffe ihrer Nachbarn beängstigt wurde und kein Beschützer derselben da war, da gefiel es dem apostolischen Stuhle, eine feierliche Versammlung heiliger Männer anzustellen und über die allgemeine Noth den Rath Aller einzuholen. So ward nach allgemeiner Zustimmung und Billigung der hochangesehene König der Franken, Karl, mit der Kaiserkrone geschmückt, weil er sowohl in Bezug auf seine Verdienste wegen des Glaubens, als wegen seines Ruhms, seiner Macht und seiner in den Kriegen errungenen Siege auf der Welt seinesgleichen nicht zu haben schien. Auf diese Weise wurde die Kaiserwürde von Griechenland auf das Frankenreich übertragen.“ (Helmold I, 3 4)).

Slawen, Christianisierung und erste Besiedelung

In das Gebiet des ehemaligen Fürstentums Ratzeburg, das nach dem Abzug der germanischen Stämme nur dünn oder fast nicht mehr besiedelt war, wanderten spätestens seit dem 7./8. Jahrhundert slawische Gruppen vom Stamm der Polaben ein, welche als Unterstamm zum großen Stammesverband der Abodriten oder Obodriten gezählt wurden. Aus dem Geschlecht der letzten Fürsten der Obodriten stammten die späteren Herzöge von Mecklenburg (Niklot).

Karl der Große

Mit den Sachsenkriegen begann Karl der Große die Christianisierung der Ostgebiete. Die Sachsen waren schon unter den Merowingern den Franken teilweise tributpflichtig, aber nie deren Untertanen und Teil des Reiches. Die Kriege begannen 772 und endeten 804 mit der Unterwerfung des sächsischen Nordelbiens, dem Land nördlich über der Elbe. Um den Widerstand der Sachsen zu brechen, verbündete sich Karl 780 mit den slawischen Obodriten. Die Slawen waren dem fränkischen Hof durch Heeresfolge, Tributzahlungen und Huldigung verpflichtet. Dafür leisteten die Franken militärische Unterstützung gegen äußere Feinde. (Wilzen, Dänen, Sachsen). Das Bündnis trug also Züge eines Lehensverhältnisses allerdings ohne, dass die Franken das Gebiet der Obodriten in das Reich einbezogen oder dieses missioniert hätten. Nach der Befriedung der Sachsen zog Kaiser Karl in den Krieg gegen die Dänen, die bereits die Friesen, die Nordelbinger, die Obodriten und andere Slawenvölker zinspflichtig gemacht hatten, und das Reich selbst bedrohten. Er konnte die Dänen bezwingen und ihre Herrscher nahmen zunächst den christlichen Glauben an.

Das Stammesherzogtum Sachsen, auch Altsachsen genannt, wurde 804 vollständig in das Fränkische Reich als Provinz eingegliedert. Danach regierten verschiedene Herzögen, die von den Ekbertinern und Liudolfingern (Ottonen) abstammten. Die erste Hamburger Kirche entstand 810 im Auftrag Karls des Großen. Diese „Hammemburger Kirche“ sollte die Mutterkirche für alle Völker der Slawen und Dänen werden. (Helmold, I, 3 4)). Damit wurde der Anspruch geltend gemacht alle skandinavischen Länder zu christianisieren. Das Erzbistum Hamburg wurde 834 von Kaiser Ludwig dem Frommen (MUB, Bd. 1, 834, 3 5)) und Papst Gregor IV. (MUB, Bd.1, 834-844, 4 5)) dazu gegründet.

Die Karte zeigt das ungeteilte Frankenreich in seiner größten Ausdehnung unter Karl dem Großen

Die Expansion des Frankenreichs von 481 bis 814

Nach dem Tod Karls übernahm sein Sohn Ludwig I. (der Fromme) das Reich. Er führte das Erbe seines Vaters zunächst fort und ernannte unter anderem den Benediktinermönch Ansgar zum Erzbischof von Hamburg (834), der erfolgreich als Missionsbischof in Skandinavien wirkte. Die Frage nach der Stellung Hamburgs oder Bremens als Sitz des Erzbistums wird in der modernen historischen Forschung kontrovers diskutiert.6)  Im Jahr 864 bestätigte Papst Nicolaus I. Bischof Ansgar die Mission bei den Schweden, Dänen und Wenden (MUB, Bd.1, 864, 8 5)) und vereinigte die Hamburger und Bremer Diözese.

Noch während der Amtszeit Ludwig I. wurde das Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt. Es kam zu Streitigkeiten und bewaffneten Auseinandersetzungen, die das Reich schwächten. So konnten die Dänen wieder ins Reich einfallen. Sie gelangten rheinaufwärts, belagerten Köln. Sie eroberten Nordelbien und zerstörten Hamburg. Bischof Ansgar wurde aus Hamburg vertrieben und die Bistümer Bremen und Hamburg wurden zu einem Bistum vereinigt, deren Erzbischof Ansgar wurde. Die Normannen versetzten auch das zukünftige Frankreich in Schrecken. Sie belagerten die Stadt Paris. Zur Befriedung bekamen die Normanen Siedlungsland (Normandie). Ab 899 kam es außerdem zu zahlreichen kriegerischen Einfällen der Ungarn.

Um 900 kristallisierte sich aus diesen Veränderungen und Unruhen das West- und Ostfrankenreich heraus. Aus dem Westfrankenreich entstand Frankreich, aus dem Ostfrankenreich das Heilige Römische Reich, seit dem Ende des 15. Jh. auch Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation genannt. Das Reich bildete sich im 10. Jahrhundert unter der Dynastie der Ottonen. Mit dem Namen des Reiches wurde der Anspruch erhoben, Nachfolger des Römischen Reiches zu sein, das in den letzten Jahren seines Bestehens das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Damit fühlten sich die deutschen Herrscher berechtigt den Titel Kaiser zu tragen.

Die Ottonen

Mit den Ottonen übernahmen die sächsischen Herzöge die Macht im Ostfrankenreich. Heinrich I, (Herzog von Sachsen 912-936, ostfränkischer König 919-936) und sein Sohn Otto I. der Große (*23. November 912; †7. Mai 973 in Memleben, ab 936 Herzog von Sachsen und König des Ostfrankenreiches, ab 951 König von Italien und römisch-deutscher Kaiser von 962-973) konnten das Reich nach innen wieder stabilisieren und die Gebiete im Osten und Norden zurückerobern und damit die Reichsgrenzen wie zu Zeiten Karls des Großen dort wieder herstellen. Durch Otto’s Sieg über die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 endeten deren Invasionen. In der Folge kam es zu einer Blütezeit des Reiches, die als Ottonische Renaissance bekannt wurde.

In den Ostgebieten entstanden die Markgrafschaften Billungische Mark, Nordmark, Mark Lausitz, Mark Merseburg, Mark Zeitz und Mark Meissen. Die Billungische Mark wurde 936 für das Gebiet zwischen Unterelbe, Elde und Peene errichtet und Hermann Billung als Markgrafschaft zur Abwehr der dort ansässigen Slawen (Obodriten, Lutizen) übertragen. Hermann Billung war ein Vertrauter Otto I. und stammte auch aus einer sächsischen Grafenfamilie. Er wurde 936 zum Heerführer und danach mehrmals zum Vertreter Otto I., während seiner Italienfeldzüge, bestellt und galt ab 960 als Herzog von Sachsen. Gegenüber den elbslawischen Obodriten verfolgte er eine auf Ausgleich und Bindung bedachte Politik.

Ausdehnung der Mark der Billunger vor 983 nach den Vorstellungen Gustav Droysens aus dem Jahr 1886

Die nächste Karte zeigt das Heilige Römische Reich um 1000 mit den angrenzenden Markgrafschaften (schraffiert). Eine Mark war im mittelalterlichen Europa das Grenzgebiet des Reiches (Grenzmark). Marken bildeten bei ihrer Entstehung sicherheitspolitisch besonders wichtige Verwaltungsbezirke in gefährdeten Grenzregionen, die noch nicht vollständig zum Reich gehörten. Markgrafschaften waren damit Gebiete, die von der Besiedelungspolitik durch Kirche und Deutschem Reich betroffen waren, wobei Dänemark und Schweden als eigenständige Gebiete anerkannt wurden und man von ihnen nur eine Hörigkeit gegenüber von Glauben und Tributpflichtigkeit erzwingen wollte.

Das Heilige Römische Reich um 1000

 

 

Die Christianisierung, die zunächst in den nördlichen Ländern (Dänemark, Schweden) erfolgreich war, wurde nun auf die slawische Bevölkerung in Ostholstein und in Mecklenburg ausgedehnt. Es entstand das Bistum Oldenburg/Holstein, das vom Hamburger Erzbischof Adaldag im Auftrag von Kaiser Otto I. wahrscheinlich im Jahre 972 gegründet wurde (eine Gründung 968 oder schon 950 wird auch diskutiert). Das Bistum war dem Erzbistum Hamburg-Bremen unterstellt. Zu diesem Bistum gehörte auch das spätere Ratzeburger Land. Ab jetzt wanderten die ersten Siedler in dieses Gebiet ein.

Siedlungsgebiete im südlichen Jütland bzw. im heuti-gen Schleswig-Holstein zwischen etwa 800 und 1100

Widerstand der Slawen

Die Besiedelung war geprägt von den Auseinandersetzungen der herrschenden Machthaber. Im Zuge der Missionierung erhielten die Siedler Land (wahrscheinlich in den meisten Fällen ungenutzt-wüst) und machten es urbar. Sie standen sicher unter dem Schutz der Kirche und des Reiches, denen sie lehnspflichtig unterstanden. Aber es herrschten parallel auch die obodritischen Fürsten, die territorial sehr mächtig waren, was durch zum Teil siegreiche militärische Auseinandersetzungen mit den Franken und später den Sachsen zum Ausdruck kam. Dann wechselte der Herrschaftseinfluss. Die „deutschen Beschützer“ wurden vertrieben und die „deutschen Siedler“ blieben mit den slawischen Fürsten allein. Sie mussten sich mit den obodritischen Fürsten arrangieren. Eine aufschlussreiche Geschichte beschreibt Helmold in seiner Chronik der Slawen (siehe Seite „Die List des BillugHelmold, I, 13, 144)).

In dem letzten Jahr der Herrschaft Otto II. (*955; †7. Dezember 983 in Rom), Kaiser von 973-983, kam es im Jahr 983 zum großen Slawenaufstand. Adam von Bremen berichtet in seiner Hamburger Kirchengeschichte allerdings alle Slawen des Bistums (gemeint ist hier das Bistum Oldenburg) hätten sich siebzig und mehr Jahre lang zum Christentum bekannt, nämlich „während der ganzen Zeit der Ottonen7). Der Slawenaufstand 983 war eine Erhebung des Lutizenbundes, ein Zusammenschluss elbslawischer Stämme, gegen die Willkür des Markgrafen der Nordmark Dietrich von Haldesleben. In der Nordmark stiftete Otto I. im Jahr 946 und 949 die Bistümer Havelberg und Brandenburg, die zusammen mit den Bistümern Zeitz, Merseburg und Meißen 967 dem neu geschaffenen Erzbistum Magdeburg (Erzbischof Adalbert) unterstellt wurden. Die Slawen zerstörten die Bischofssitze in Havelberg und Brandenburg, auch den Sitz des Markgrafen, und drängten die Sachsen bis hinter die Elbe zurück.

Inwieweit die Obodriten an diesem Aufstand beteiligt waren, ist in der Geschichtsschreibung umstritten. Zu der Zeit des Aufstandes 983 war Mistiwoj aus dem Geschlecht der Nakoniden elbslawischer Fürst der Obodriten. Die Nakoniden gehörten dem Volk der Obodriten an, dass seinerseits in die Unterstämme der Wagrier mit dem Hauptort Starigard/Oldenburg, der Polaben mit den Hauptorten Liubice/Alt-Lübeck und Ratzeburg, der Obodriten mit dem Hauptort Mecklenburg, der Linonen mit dem Hauptort Lenzen an der Elbe sowie der Warnower an der Warnow aufgeteilt war. Diese Stämme hatten jeder ihren eigenen Stammeschef (siehe auch Seiten „Das Reich der Obodriten“, „Stammbaum der Nakoniden“).

Unter den christlich-monarchischen Nakoniden erfolgte der Versuch des Aufbaus einer Kirchenorganisation ausgehend vom Bistum Oldenburg in Wagrien. Zur Kirche sowie den Fürsten der benachbarten Sachsen und Dänen unterhielten die Stammesfürsten zeitweise enge Beziehungen.

Um 1060 gründete Erzbischof Adalbert von Bremen die neu geschaffenen Bistümer Mecklenburg (Bischof Johannes I. Scotus) und Ratzeburg (Bischof Aristo), die er aus dem Bistum Oldenburg ausgegliederte. Im Jahr 1066 wurde der Erzbischof gestürzt. Im darauffolgenden Aufstand des heidnischen obodritischen Adels starb der nakonidische Fürst Gottschalk am 7. Juni. Der Priester und Abt des Benediktinerkloster St. Georg auf dem Berge in der Nähe von Ratzeburg Ansverus wurde mit seinen Mönchen am 15. Juli gesteinigt. Der Sohn Gottschalks Heinrich konnte ab 1090 die Macht der Nakoniden zurückgewinnen. Als Heinrich gegen den Widerstand der antichristlichen und antisächsischen Opposition damit begann, die fest in ihrem heidnischen Glauben verwurzelte Bevölkerung zu missionieren, wurde er 1127 ermordet. 1129 setzte Kaiser Lothar von Supplinburg Knud Lavard, einen Angehörigen des dänischen Königshauses, der die Belehnung für einen hohen Preis erkauft hatte, als Lehnsherr ein. Auch er wurde schon 2 Jahre danach 1131 ermordet. Das Obodritenreich zerfiel wieder in die beiden Teile Wagrien/Polabien (unter Pribislaw) und das Gebiet der Obodriten, Kessiner und Zirzipanen (unter Niklot).

So stellte sich die Situation vor 1140 dar. Seit der Zeit Karl des Großen (800) waren 340 Jahre vergangen. Es waren Jahre geprägt von vielen grausamen Kriegen, dem Versuch einer Christianisierung und einer Besiedelung, aber auch dem Versuch der Findung einer eigenen nationalen Identität. Die Versuche eine Kirchenorganisation einzuführen, wurden oft wieder zerschlagen. Wie viele Siedler noch im Land lebten, wird man wohl nie herausfinden. Wurden alle während der heidnischen Unruhen vertrieben oder getötet oder konnten einige bleiben?

Die Gründung (Stiftung) des Bistums Ratzeburg - Heinrich der Löwe

Heinrich der Löwe (*um 1129/35, †6.08.1195 in Braunschweig) aus dem Geschlecht der Welfen wurde 1142 Herzog von Sachsen. Die sächsischen Herzöge waren bis zu diesem Zeitpunkt immer mit prägend für die Geschichte des Obodritenreiches. Einen kurzen Überblick über die Geschichte des Herzogtums findet man auf der Seite „Das Herzogtum Sachsen“.

Heinrich unternahm eine neue Ostexpansion, unterwarf ab 1147 große Teile des Obodritenreiches in der ehemaligen Mark der Billunger und wurde ihr Lehnsherr (Wagrien und Polabien). Es kam wieder zu Kriegen. Die Ostexpansion wurde wie ein Kreuzzug geführt, allerdings auch wieder nur mit mäßigem Erfolg. Niklot unternahm keinerlei Anstrengungen zur Ausweitung seiner Herrschaft auf Wagrien und Polabien. Mit dem Nachfolger Heinrichs von Badewide als Grafen von Holstein, Adolf II. von Schauenburg, verband ihn ab 1143 ein Freundschafts- und Beistandspakt. Niklot stand in einem tributären Abhängigkeitsverhältnis zu Heinrich dem Löwen und fand 1160 in einem Feldzug Heinrichs gegen die Obodriten den Tod bei der Burg Werle, nachdem er zuvor entgegen der Weisung des Herzogs Übergriffe auf dänisches Territorium nicht eingestellt hatte. Anders als in Wagrien und Polabien verlehnte der Sachsenherzog das Obodritenland anschließend nicht, sondern setzte mit Gunzelin von Hagen in Schwerin, Liudolf von Braunschweig in Quetzin, Ludolf von Peine in Malchow und Heinrich von Schooten auf der Mecklenburg Ministeriale ein, die das hinzugewonnene Gebiet unmittelbar für ihn verwalten sollten. Kessin und Zirzipanien verblieben Niklots Söhnen. (siehe auch die Seite „Die Herren von Mecklenburg“)

Im Jahre 1143 führte Graf Adolf II. von Holstein nach dem anschaulichen Bericht des zeitgenössischen Chronisten Helmold von Bosau deutsche Siedler aus den von ihm beherrschten Gebieten Holstein und Stormarn sowie aus Westfalen und Holland herbei, um das Land Wagrien im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus gewinnträchtig zu erschließen:

Die Holsten erhielten Wohnsitze im Gebiet westlich Segeberg, an der Trave, in der Ebene Schwentinenfeld und alles, was sich von der Schwale bis zum Grimmelsberg und zum Plöner See erstreckt. Das Darguner Land besiedelten die Westfalen, das Eutiner die Holländer und Süsel die Friesen. Das Plöner Land aber blieb noch unbewohnt. Oldenburg und Lütjenburg sowie die anderen Küstengegenden ließ er von den Slawen besiedeln, und sie wurden ihm zinspflichtig“ (Helmold I, 574)). Die ansässigen Slawen wurden also in diesen Landesausbau einbezogen und nicht vertrieben.

Erzbischof Hartwig I. von Bremen wollte um 1150 die seit 1066 vakanten Bistümer wieder besetzen, geriet darüber aber in Konflikt mit dem Landesherrn, dem Welfenherzog Heinrich dem Löwen. Allein dieser konnte den Bistümern die notwendige wirtschaftliche Grundlage geben und beanspruchte darum das Recht zur Einsetzung der Bischöfe (Investitur) in seinem Herrschaftsgebiet für sich. Der Streit wurde 1154 auf dem Reichstag in Goslar entschieden: König Friedrich I. Barbarossa übertrug sein Investiturrecht für die nordelbingischen Bistümer seinem Vetter Heinrich dem Löwen. Dieser setzte 1154 den Propst des Prämonstratenserstifts Unser Lieben Frauen in Magdeburg, Evermod, zum Bischof von Ratzeburg ein. Im Januar 1158 bestätigte Papst Hadrian IV. die Errichtung des Bistums. Die Urkunde, die im Landeshauptarchiv Schwerin verwahrt wird, gilt als die älteste Urkunde Mecklenburgs.

Der Sitz des Bistums war zunächst die Kirche St. Georg auf dem Berge in Ratzeburg. Von ihr aus wurden die umliegenden Pfarrkirchen und auch der Ratzeburger Dom gegründet. Bei der Kirche bestand seit dem 11. Jahrhundert eine Benediktinerabtei. Der Ratzeburger Dom entstand ab 1170 und wurde 1220 vollendet.

Eine sehr ausführliche Beschreibung der Geschichte des Landes von der Gründung des Bistums bis 1648 finden wir bei Masch8). Er beschreibt die Entstehung des Bistums als Ergebnis der Slawen Feldzüge bis zur Säkularisierung im Jahre 1648. Dabei geht er auf jeden eingesetzten Bischof  ein, beschreibt seine Herkunft, sein Wirken und die historischen Hintergründe während seiner Amtszeit.

Die Geschichte des Fürstentums Ratzeburg wird auf der Seite „Das Fürstentum Ratzeburg“ ausführlicher beschrieben.

Quellen:

  1. Die Germania des Tacitus, In: Die Geschichtsschreiber der Deutschen Vorzeit, Urzeit, Band II, Römerkriege, Verlag von Franz Duncker, Leipzig, 1884;
  2. Carl Ferdinand Fabricius, Das frühere Slaventhum der zu Deutschland gehörigen Ostsee-Länder, In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Band 6 (1841), S. 1-50;
  3. Mischa Meier, Geschichte der Völkerwanderung, Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr., Verlag C.H. Beck, München, 2021;
  4. Helmolds Chronik der Slaven (Monumenta Germaniae), Übersetzung von Dr. J. C. M. Laurent, In: Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Zwölftes Jahrhundert, Achter Band, Verlag der Dykschen Buchhandlung, Leipzig, 1894;
  5. Mecklenburgisches Urkundenbuch, Herausgeber Verein für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Bd. I., 788-1250, Schwerin, Verlag der Stillerschen Hofbuchhandlung, 1863;
  6. Richard Drögereit: War Ansgar Erzbischof von Hamburg oder Bremen? In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte. Band 70, 1972, S. 107–132; Richard Drögereit: Ansgar. Missionsbischof, Bischof von Bremen, Missionserzbischof für Dänen und Schweden. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte. Band 73, 1975, S. 9–45; Richard Drögereit: Erzbistum Hamburg, Hamburg-Bremen oder Erzbistum Bremen? Studien zur Hamburg-Bremer Frühgeschichte. In: Archiv für Diplomatik. Nr. 21, 1975, S. 136–230.
  7. Adam von Bremen, Hamburgische Kirchengeschichte nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae, Übersetztung von Dr. J. C. M. Laurent, In: Die Geschichtsschreiber der Deutschen Vorzeit, Elftes Jahrhundert Band VI, Verlag der Dyk‘schen Buchhandlung, Leipzig, 1893;
  8. Geschichte des Bistums Ratzeburg, Gottlieb Matthias Karl Masch, Lübeck, Friedrich Aschenfeldt, 1835;
  9. Wikipedia
3500 v. Chr.
100 n. Chr.
100 n. Chr.
100-200
800
804
834
864
900
912
955
960
1060
983
1066
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