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Geschäftsentwicklung Uhren/Augenoptik Schön Grevesmühlen
Die Wismarsche Straße in Grevesmühlen um 1926:
Das Geschäft ganz rechts übernahm unser Großvater Walter Schön im Jahre 1926 (Wismarsche Straße 30). Hier war vorher der kleine Manufakturladen von Christian H. Ramelow, Vater von Gustav Ramelow. 1901 zog das Kaufhaus von Gustav Ramelow in das große Gebäude auf der linken Straßenseite ein.
Die Wiege der Kaufhäuser Ramelow und Karstadt liegt in Grevesmühlen.
Gustav Ramelow wurde am 3. Juli 1854? in Grevesmühlen geboren. Sein 1. Kaufhaus wurde 1872 in Klütz gegründet. Es folgten Gründungen von Kaufhäusern in Bützow (1890), in Berlin (1900) und 1901 in Grevesmühlen. Rudolph Karstadt wurde am 16. Februar 1856 in Grevesmühlen geboren. Er eröffnete am 14. Mai 1881 sein erstes Kaufhaus in Wismar, aus dem die spätere Karstadt AG hervorging. Sein Bruder Ernst betrieb ebenfalls kleine Warenhäuser, die Rudolph im Jahre 1900 seinem verschuldeten Bruder abkaufte. Bereits 1920 besaß er über 30 Geschäfte in ganz Deutschland.
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Wismarsche Straße um 1926 – auf der rechten Seite Nr. 30 hängt schon ein Logo von Junghans. Unser Großvater hatte da schon sein Geschäft eröffnet.
Die Fotos können durch Anklicken vergrößert werden
Gustav Ramelow und Rudolph Karstadt waren befreundet und nie Rivalen. Sie haben sich den Markt aufgeteilt. Während Ramelow sich mehr auf den kleinstädtischen Bereich orientierte, ging Karstadt in die größeren Städte.
Warum ist in dieser Chronik die Geschichte der beiden Kaufhaus-Gründer erwähnt? Weil die Neuansiedlung der Firma unseres Großvaters positiv durch die Ramelows beeinflusst wurde. Er übernahm den alten Manufakturladen der Ramelows und 1933 kaufte er das Haus der Familie Kühl in der Wismarschen Straße 22. Herr Kühl war Geschäftsführer des Kaufhauses in Klütz und später des Kaufhauses in Grevesmühlen.
Das Haus auf der rechten Seite mit dem Balkon (4 Häuser weiter) war die Wismarsche Straße 22, das spätere Wohn- und Geschäftshaus der Familie Walter Schön. Interessant ist auch, dass Walter Schön das Haus nicht kaufte sondern es ihm von Herrn Kühl überschrieben wurde. In einem Vertrag wurde vereinbart, dass Walter Schön dem Ehepaar Kühl eine Leibrente bis ans Lebensende zu zahlen hatte. Diese Rente war sehr hoch und angemessen.
Volkszählung Dezember 1867: Die Familie Ramelow wohnte in der Wismarschen Straße 288. Gustav hattte eine Schwester, einen älteren Bruder und einen jüngeren Bruder. Der Beruf des Vaters wurde mit Kaufmann angegeben. Die Söhne Gustav und Emil waren durchgestrichen. Sie wurden mit einem Nachtrag wieder ergänzt. ©Ancestry.com
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Die Brüder haben zu der Zeit bei dem Küster und Lehrer Engelbrecht in Wismar gewohnt und besuchten dort das Gymnasium. Sie sind dort bei der Volkszählung als Gymnasiasten geführt.
Wann Gustav Ramelow genau geboren wurde, ist nicht genau zu bestimmen. Bei Wikipedia wird das Geburtsjahr mit 1854 angegeben, bei der Volkszählung in Grevesmühlen war es das Jahr 1852 und in Wismar 1853. ©Ancestry.com
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Volkszählung Dezember 1867: Die Familie Karstadt wohnte in der Wismarschen Straße 278. Rudolph hatte eine Schwester und zwei Brüder. Der Beruf des Vaters wird mit Färbermeister angegeben. ©Ancestry.com
Das Geschäft der Familie Karstadt befand sich in der Wismarschen Straße Nr. 15. Heute ist dort der Schuhladen „Armbruster“. Ich habe Fotoaufnahmen von damals und heute gegenüber gestellt. So viel hat sich gar nicht verändert. Zur Geschichte der Kaufhausgründer gibt es ein Video von Gert Bentin. https://landboitin.de/landboitin/Video/Karstadt und Ramelow.mp4.
Habe noch ein anderes altes Foto gefunden Wismarsche Str. 22 mit Blick in den Kleinen Vogelsang. Das Bild ist einem Video vom Stadtsender Grevesmühlen TV entnommen. Die Aufnahme muss so Anfang des 20. Jh. entstanden sein. Links das Elternhaus, rechts das Haus von Hackers.
Das Elternhaus stand direkt an der Stadtmauer, die durch den Vogelsang verlief. Da wo der Vogelsang auf die Wismarsche Straße mündet, war das Wismarsche Stadttor. An den Toren der Stadtmauern gab es im Mittelalter Wehrhäuser, die eine Funktion bei der Verteidigung der Stadt hatten.
Ich habe oft als Kind den Keller von diesem Haus erkundet und bewundert. Das Haus stand auf einem soliden Feldsteinfundament mit gewölbten Decken. Es war auch nicht komplett unterkellert, sondern es gab Pfeiler aus Feldsteinen, die wahrscheinlich tief in den Boden ragten, und es roch nach Geschichte. Von einem durchgehenden Kellergang parallel zur Wismarschen Straße, beginnend unter dem Eingang des Hauses und endend an der Wand zum Vogelsang, gingen Türen zu den einzelnen Kellern ab. Am Anfang des Ganges auf der rechten Seite 2 Räume, ein Vorratsraum mit einem Kellerfenster und ein Raum, der als Bad genutzt wurde ohne Fenster. Dann kam ein Pfeiler, der mindestens 3 m den Gang entlang ging. Auf der linken Seite gab es einen größeren Raum, der aber auch beidseitig durch 2 Pfeiler begrenzt war. Am Ende des Ganges kam man dann nochmal in einen größeren Raum, der rechts wieder zwei Fenster zur Wismarschen Straße hatte. Zum Vogelsang gab es ein Kellerfenster. Die Wände oben waren sehr dick. Alle Kinder haben auf den Fensterbänken nach draußen bequem sitzen können. Es war genug Platz, also mehr als einen halben Meter. Alles spricht also für so ein Wehrhaus. Es ist nur eine Theorie und muss bewiesen werden.
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Auch zu den Kühls habe ich Einträge bei Ancestry gefunden. Hans Friedrich Kühl wurde am 30. Nov. 1869 in Eckenförde geboren. Seine Frau Friederike Elisabeth Johanna Iden wurde am 10. Mai 1866 in Altona Hamburg geboren. Sie sind 1900 in der Volkszählung im Ritteramt Grevesmühlen aufgeführt. Damals wohnten sie noch in der Lübeckerstraße Nr. 26 in Klütz. Da hatten sie 2 Kinder Paula (*1895) und Ernst Günther (*1897). Etwas merkwürdig, bei Ernst Günther wird als Geburts- und Taufort Bothmer angegeben. Das war deswegen so, weil in dieser Zeit die Gerichtsschreiberei im Schloss Bothmer untergebracht war. 1919 bei der Volkszählung in diesem Jahr wohnten sie schon in der Wismarschen Str. 22. Die beiden älteren Kinder sind nicht mehr bei den Eltern gemeldet. Hier gibt es dann Gertrud (*1901) und Hildegard (*1903). Alle 4 Kinder sind in Klütz geboren, dazu habe ich die Kirchenbucheinträge gefunden.
Hans Kühl ist am 15. Oktober 1935 gestorben. Er wurde nur 66 Jahre alt. Seine Frau Friede lebte noch bis zum 7. April 1948 in dem Haus unserer Großeltern. Sie wurde 82 Jahre alt. In welcher großen Wohnung im Obergeschoss sie wohnten, weiß ich nicht.
Auch auf dieser Seite sind Fotos und Dokumente, wie auch sonst wenn möglich, mit einem Mausklick vergrößerbar.
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Walter Schön vor seinem ersten Geschäft (Wismarsche Straße 30 – Eckhaus Große Alleestraße).
Die Geschäftsgründung war 1926. Die Aufnahme entstand um 1931.
Das Gebäude wurde nach der Wende abgerissen und neu aufgebaut. Heute befindet sich in diesem Gebäude das Sanitätshaus Stolle.
1933 zog Walter Schön mit seinem Geschäft in das Haus in der Wismarschen Straße 22.
Elisabeth und Walter Schön in ihrem Laden. Die Aufnahmen entstanden um 1940. Neben Uhren waren auch Schmuck, Porzellan und Geschenkartikel im Sortiment. Ich kann mich noch an ein Restsortiment erinnern, dass ich als Kind durchstöbern durfte. Schwere Kammschalen, Zerstäuber für Parfum und Puderdosen mit einem Deckel. Alles war aus schwerem farbigem Glas in Rot, Blau und Grün. Das Muss für jede sogenannte Frisierkommode in der damaligen Zeit auch noch bis Anfang der 50ger. Meine Eltern und Schwiegereltern hatten auch noch so eine Ausstattung nebst Frisierkommode.
Der Laden hatte 2 Verkaufstische. Wenn man eintrat geradezu kam man zu dem Schmuck, den Uhren, Porzellan …, rechts dann vor der großen Standuhr der zweite Tisch. Hier wurden die Brillen verkauft. Die Tische waren im rechten Winkel angeordnet. Zwischen ihnen gab es einen schmalen Durchgang. Unser Großvater hat von Anfang an neben dem Uhrengeschäft auf die Augenoptik gesetzt. Hinter diesem Tisch war auch die Kasse.
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Das Interesse für die Augenoptik wurde bei Walter sicher schon während der Lehre in Hagenow bei Heinrich Kortüm geweckt. Diese Geschichte finden wir auf der Seite „Schöns in Hagenow“. Heinrich Kortüm verkaufte schon 1897 Brillen in Hagenow. Unser Großvater Walter war von Anfang an bemüht sich in der Augenoptik weiterzubilden.
Das Gruppenbild oben zeigt die Teilnehmer einer Fortbildungsveranstaltung, organisiert vom Wirtschaftsverband Optischer Geschäfte Deutschlands mit Sitz in Berlin im Februar 1927 in Schwerin. In der Mitte das Logo der WOG. WOG steht hier nach meiner Meinung für „Wiener Ophthalmologische Gesellschaft (WOG)„. Sie wurde 1903 gegründet und ist eine der ältesten augenärztlichen Gesellschaften. Es gab aber auch eine „Deutsche Ophthalmologische Gesellschaftuf (DOG)„, die ein ähnliches Logo hatte und schon 1857 gegründet wurde und damit die älteste medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft der Welt war. Die Frage: warum hier das Logo der WOG? Sicher hat diese Gesellschaft die Veranstaltung gesponsert. Auf dem Foto in der Mitte ist Walter Schön. Er ist hier mit Einer der Jüngsten. Er steht direkt hinter der Frau, die das Schild mit dem Logo der WOG hält. Heinrich Kortüm, der Lehrmeister unseres Großvaters steht in der 2. Reihe als 3. von rechts. Die anderen Uhrmacher-Optiker müssen alle aus Mecklenburg sein. Zu dieser Tagung habe ich auch eine Bescheinigung gefunden.
Die zweite Urkunde bestätigt die Absolvierung eines weiteren Lehrganges im Februar des Jahres 1934 in Altona.
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Ich habe zahlreiche Dokumente aus der NS-Zeit gefunden in denen zum Ausdruck kommt, wie sich unser Großvater um die Entwicklung des Geschäftes bemühte. Es gab Aktivitäten ihm die Fähigkeit zur Ausbildung von Lehrlingen abzuerkennen, da er Kriegsversehrter des 1. Weltkrieges war und man ihm somit eine Ausbildung nicht zutraute. Ich habe den Schriftverkehr mit den entsprechenden Ämtern nicht veröffentlicht, weil das zu umfangreich wäre. Er verfasste alle Schreiben an die Behörden schreibmaschinengeschrieben. Das war schon einmalig für die Zeit.
Auch nach 1945 hat sich Walter auf dem Gebiet der Augenoptik weiter gebildet.
Unten ein Foto von einem Lehrgang in Bad Doberan im Mai 1950. „Aufgrund des von Ihnen gezeigten Prüfungsergebnisses haben wir Sie der SVA (SVA steht hier wahrscheinlich für Sozialversicherungsanstalt d. Autor). Mecklenburg zur Lieferung von Sehhilfen im Rahmen des zwischen der Handwerkskammer Mecklenburg und der SVA Mecklenburg abgeschlossenen Vertrages vorgeschlagen“. Ich kann mir richtig vorstellen, wie erleichtert dieses Schreiben auf unseren Großvater gewirkt hat. Das war der Durchbruch für die Augenoptik in seinem Geschäft. Am 14. Juni 1952 legte er dann die Meisterprüfung für die Augenoptik ab. Damit durfte er sich offiziell als Uhrmachermeister und Augenoptikermeister bezeichnen.
Für dieses Gruppenfoto werde ich versuchen, einzelne Personen dem Foto zuzuordnen. Ich habe vor 3 Jahren mit meinem Vater den Chronisten von Hagenow und gleichzeitig den Verfasser der Chronik des Augenoptiker Handwerks in Mecklenburg besucht.
Ich war überrascht, wie viele Personen die Beiden noch wieder erkannten und zuordnen konnten.
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Der Grundstein für das Augenoptiker Handwerk war gelegt. Zuerst wurden die Brillen nur verkauft. Wann kam der Umschwung, Brillen selbst zu refraktionieren? Es gibt ein Foto, welches Walter in seiner Werkstatt zeigt. Ich denke, dass muss so Anfang der 50ger Jahre gewesen sein. Vielleicht auch noch vor 1945. Ich weiß es nicht.
Ich weiß aber noch ganz genau, wie die räumliche Struktur hinter der Tür mit der großen Standuhr vom Laden weiter ging. Da war eine große 2 flügelige Tür. Vor dem rechten Flügel stand die Standuhr. Ging man durch den linken Flügel kam man in den Werkstattraum. Er war getrennt durch eine Mittelwand. Auf der rechten Seite die Uhrmacherei mit den Arbeitsplätzen Blick direkt auf die Wismarsche Straße hinaus, auf der linken Seite der Optikarbeitsplatz mit dem Blick auf die Zwischenwand. Hinter diesem Arbeitsplatz ein riesiger Tresor, der für mich immer bombensicher war. Hier wurde der wertvollste Schmuck eingeschlossen. Neben dem Tresor links wieder eine große 2 flügelige Salon Tür zu dem Wohnzimmer unserer Großeltern. Ich kann mich noch genau erinnern. Alles war so. Später wurde Vieles umgebaut
Das Foto des Optik-Arbeitsplatzes zeigt eindeutig, dass hier schon Brillengläser ausgemessen wurden. Links ein Schleifstein. Gläser wurden oft noch per Hand geschliffen. Das Gläserschablonenbrett rechts zeigt aber, das es hier auch schon einen Automaten gegeben haben muss, in den man die einzelnen Schablonen der Gläserformen einspannte, um die Passform der Gläser zu schleifen. Ich habe das Alles noch bei Vatern gelernt. Ausmessen der Brillengläser (das hat natürlich immer der Meister unser Vater gemacht), Bröckeln der Gläser, Einspannen in den Automaten zum Schleifen und dann Nachschleifen bis die Gläser genau in die Brillenfassung pasten. Das war damals noch richtige Handwerkerleistung. Und das Refraktionieren war im Vorfeld sehr wichtig, denn eine Brille musste genau ausgemessen werden, damit der Kunde zufrieden ist.
In der Mitte auf diesem Arbeitstisch ein großer Aschenbecher (weiß). Das war Großvaters großes Laster, das Rauchen.
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Hier sehen wir das Wohn- und Geschäftshaus zu Anfang der 50ger Jahre. Links das Haus von Carstens, eine befreundete Familie. Nach hinten, parallel zu unserem Hof gab es ihre Sattlerei. Da hörte man zur Geschäftszeit immer das Tackern. Wenn man als Kind sehnsüchtig am Heiligabend auf die Bescherung wartete, war das Aufhören der Tackergeräusche ein Zeichen dafür, dass die Bescherung nun bald von statten gehen würde. Damals wurde am Heiligabend noch bis mindestens 16:00 Uhr gearbeitet.
Hier kann man noch einmal meinen Gang durch den Keller nachverfolgen. Die 3 Kellerfenster vorne, zur Seite gab es keine. Schaute man durch diese Fenster sah man die Leute von unten. Das Szenario erinnerte mich dann immer ein bisschen an eine Szene aus dem Märchen „Das Feuerzeug“. Unten ganz links die Eingangstür zum Haus, dann kam ein kleiner Schaukasten, dann die beiden Schaufenster, in der Mitte die Eingangstür zum Laden. Davon rechts die beiden Fenster hinter der die Uhrmacherei saß. Auf der Seite zum Vogelsang zwei Fenster, das Erste, das Wohnzimmerfenster unserer Großeltern, dahinter das Schlafzimmerfenster.
Oben die große Wohnung. Ich glaube, hier haben die Kühls gewohnt. Das Balkonzimmer hatte einen extra Eingang. Die große Wohnung auf der rechten Seite wurde zu meiner Kindheit von Hösels bewohnt, später von Elstners. In der anderen Wohnung nach hinten raus wohnten erst Rohbrands und dann Grabowskis. Davor wohnten da Görners und dann später soll da auch eine Zahnarztpraxis gewesen sein. Das Obergeschoß war noch nicht ausgebaut. Es wurde ab 1957 von unserem Vater ausgebaut und diente uns lange Zeit als Wohnung.
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Aus dieser Zeit habe ich 2 Fotos von Schaufenster-dekorationen gefunden. Die erste ist von 1951 zum 25 Firmen-Jubiläum. Die Köpfe für die Brillen habe ich als Kind noch gekannt. Es kann sein, dass ich sie irgendwo gefunden habe. Damals war die Zeit eben noch nicht so schnell lebig.
Wie auch später in unserem Elternhaus war das Familienleben unserer Großeltern eng mit dem Geschäft verknüpft. Das Wohnzimmer der Großeltern war direkt hinter dem Laden. Dort gab es die gemütliche Ecke. Hier hörten sie abends Radio. Eine große Flügeltür führte gegenüber in den Geschäftsbereich.
Gespräche während der Mahlzeiten drehten sich oft um Kunden. Man kannte jeden Kunden mit Namen, wo sie wohnten, wie die verwandtschaftlichen Verhältnisse waren und die Geschichten. Kundenfreundlichkeit war oberstes Gebot. Gesprochen wurde nur auf Platt.
Die Kundengebundenheit ist sicher charakteristisch für den Handwerksberuf. Der Umfang der Kunden war aber wesentlich größer als zum Beispiel bei einem Tischler. Damit sind Optiker vielleicht vergleichbar mit Ärzten. Der gute Augenoptiker war ja auch immer eine Mischung aus Augenarzt und Handwerker. Das behaupte ich einfach mal so.
Hans-Dieter Schön wurde am 9. Mai 1931 als zweites von drei Kindern der Eheleute Elisabeth und Walter Schön geboren. Er musste schon früh die Verantwortung für die Familie und das Geschäft übernehmen, da sein Vater schwer erkrankte.
1948 begann er eine Lehre als Uhrmacher im väterlichen Betrieb und danach eine Lehre als Augenoptiker bei der Firma Witzel in Rostock. Von 1955 bis 1957 absolvierte er das Studium zum Augenoptikermeister bei der Zeiss-Stiftung in Jena.
Am 05. Januar 1957 heiratete er Marga Dettmann, eine Tischlers Tochter aus Schönberg. Am 1. Juli 1957 starb der Vater noch während er in Jena studierte. Seine Mutter verwaltete das Geschäft zunächst, bis er es dann am 15. Februar 1958 übernehmen konnte.
Am 24. Juli 1957 wurde sein 1. Sohn Christian und am 30. Juli 1961 sein 2. Sohn Andreas geboren.
1960 machte er seine Meisterprüfung als Uhrmacher. Hans-Dieter war jetzt Uhrmachermeister und Augenoptikermeister.
Während der Zeit der DDR konnte er die Selbständigkeit seines Unternehmens erhalten.
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Auf dem oberen Foto, das Haus nach 1957. Das Dachgeschoss ist ausgebaut. Oben die neue Gaube. Dahinter war unser Wohnzimmer. Zum Giebel ein neues Fenster links, das Fenster des Schlafzimmers unserer Eltern. Rechts davon das Küchenfenster.
Auf dem Bild unten eine neue Veränderung. Im Dachgeschoss gibt es eine neue Gaube. Dahinter ist mein Zimmer entstanden. Das muss so vor meiner Jugendweihe gewesen sein um 1971. Der Balkon ist auch weg. Ich weiß nicht mehr, wann er abgerissen wurde. Als dieses Foto entstand, gab es schon den Lada Shiguli wie man sieht. Er wurde ab 1972 in der DDR eingeführt. Vorne das Haus von Hackers, wie es mir in guter Erinnerung geblieben ist.
An das Haus Ende der 50ger bis Anfang der 70ger wie es auf den Bildern zu sehen ist, kann ich mich noch genau erinnern. Links unter dem Balkon war die Eingangstür zum Wohnhaus durch die man in einen Vorflur gelangte. Dort war dann die sogenannte Mitteltür. Diese beiden Türen hatten es in sich, besonders wenn man als Jugendlicher einmal vom Biertrinken nach Hause kam und die Blase drückte. Beide Türen hatten komplizierte Schlösser und mussten zeitaufwendig geöffnet werden. Es dauerte bis dann die erlösende Toilette am Ende des Flures nach der Mitteltür erreicht war. Meinem Bruder ging es oft genauso.
Durch die Tür in der Mitte kam man in den Laden, in den Verkaufsraum. Dort war links ein Raum für die Refraktionen abgeschlagen. Das war nach den ersten Veränderungen, die durch unseren Vater durchgeführt wurden. Hier war das Reich unseres Vaters zum Sehtest, zur Kundenberatung, zur Brillenanpassung und so weiter. Das war ein Teil des Bereiches hinter dem linken Schaufenster. Geradezu stand ein großer, schöner Ofen, der ein abgesetztes Oberteil hatte. Oben auf dem Ofen befand sich eine weiße Porzellanfigur. Ich glaube, dargestellt war ein Mädchen nach dem Bade. Vor dem Ofen links an der Wand zum abgeschlagenen Refraktionsraum standen zwei Halbsessel. Die waren damals sehr modern. Zum Refraktionsraum war keine Tür sondern ein Eingang mit Vorhang. Neben dem Ofen rechts ging eine Tür nach hinten raus in den Flur, der zur Wohnung unserer Großmutter führte.
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Der Geschäftsbereich hatte sich nun zum vorher beschriebenen wesentlich verändert. Für den Optik-Bereich war ein neuer Raum entstanden. Dazu wurde ein Teil der großen Küche der Großmutter abgetrennt. Die Restküche auf der rechten Seite hatte das Fenster, die neue Optikwerkstatt brauchte ein neues Fenster. Bei dem Durchbruch habe ich damals geholfen, wir mussten durch diese dicke Wand. Die Baumaßnahme wurde während eines Ferienaufenthaltes unserer Großmutter mit ihrer jüngeren Tochter Bärbel in Sotschi durchgeführt. So war unser Vater, Baumaßnahmen wurden mit aller Konsequenz, oft auch gegen Widerstände durchgeführt. Das Ergebnis kam aber dann in der Regel immer allen zu Gute.
Im Laden rechts neben dieser Tür nach hinten stand eine Vitrine mit großen Glasschiebetüren. Rechts gegenüber der Abtrennung zum Refraktionsraum war der Ladentisch. Hinter dem Ladentisch gab es auch eine Vitrine. Rechts vom Ladentisch befand sich das rechte Schaufenster von außen gesehen.
Die Schaufenster hatten nach hinten einen kleinen Anbau mit einer kleinen Tür. Für Kinder sehr interessant. Bei der Um-Dekorierung der Ausstellung konnte man, wenn es erlaubt war, einsteigen und fühlte sich dann wie im Glashaus. Links neben dem Ladentisch ging es nach hinten durch einen Durchgang zur Werkstatt. Die war dann hinter den beiden Fenstern auf der rechten Seite des Gebäudes. Dort gab es einen langen Werkstatttisch unter den Fenstern mit 3 Arbeitsplätzen. Rechts war der Platz von unserem Vater für Uhrreparaturen. Links davon saßen 2 weitere Uhrmacher. An die meisten Mitarbeiter kann ich mich noch erinnern. Da war zum Beispiel Herr Manja, der mir meine Tonindianer repariert hat. Im Rücken zu den 3 Arbeitsplätzen eine Werkbank mit Geräten zum Uhren reinigen und einer kleinen Drehbank. Da stand auch eine Spule, mit der man metallische Teile entmagnetisieren konnte. Hier habe ich als kleines Kind gelernt Wecker auseinander und wieder zusammen zu bauen. Hinter der Werkbank mit den Geräten war ein Raumteiler. Das waren Glasscheiben in Holzrahmen. Hinter dem Raumteiler war dann die Optikwerkstatt, ihre Verlagerung habe ich oben beschrieben. Danach war hier ein Pausenraum. Die Flügeltür zum Wohnzimmer unserer Großmutter wurde später als Wandfläche verschlossen.
Der Eingang zum Laden war sehr interessant. Die Ladentür eine Glastür konnte man absolut nicht als einbruchssicher bezeichnen. Darum gab es in dem Durchgang zum Laden eine Gitterkonstruktion. Das Gitter wurde morgens um 07:00 Uhr aufgeschlossen und abends nach Geschäftsschluss verschlossen. Zum Verschließen wurden 2 Schienen links und rechts nach unten auf den Boden geklappt und 2 ausfaltbare Gitter von rechts und links in die Mitte zusammengezogen. In der Mitte war ein Schloss, was mit dem ersten Schlüssel verschlossen wurde. Nicht genug, es gab noch eine schwere, flache Eisenschiene, die diagonal über das Gitter auf Ösen aufgelegt wurde und an den 3 Ösen mit 3 Vorhängeschlössern abgeschlossen wurde. Die beiden Gitter wurden dann auch noch zusätzlich zu dem Schloss mit einem großen Vorhängeschloss zusammengeschlossen. Dann ging man in den Laden und verschloss die Glastür. Für das ganze Procedere gab es ein großes Schlüsselbund.
Als Kind symbolisierte diese Tür ein Gefühl der Sicherheit. Ein Gefühl, solange diese Tür da ist und jeden Tag mit dieser Präzision bedient wird, kann uns ja nichts passieren. Es gab eine Zeit, da muss ich noch ganz klein gewesen sein, da habe ich abends beim Einschlafen öfter das Marschieren von Soldaten im Gleichschritt gehört. Natürlich habe ich mir das nur eingebildet, aber woher kannte ich dieses angsteinflößende Marschieren von Männern mit schweren Stiefeln, die ihren Verstand verloren hatten. Jedenfalls hat mich dieses Gitter dann beruhigt. Man hatte aber auch immer Angst sich daran die Finger zu klemmen.
Später durfte ich dieses Gitter dann auch abends manchmal verschließen. Ich musste dann immer sehr schnell sein, denn ich war ja alleine und wenn mich Einbrecher jetzt überrumpeln? Das Gitter hat uns alle Eindringlinge vom Hals gehalten. Anders war es nach 1990 als es das Gitter nicht mehr gab. Da konnte auch eine gute Alarmanlage Einbrüche nicht verhindern. Auch das brachte die neue Zeit.
Nach der Wende 1989 erfolgte ein großer Umbau des Geschäftes auf westlichen Standard mit Werkstattsanierung. Am 8. Oktober 1990 konnte die Geschäftsneueröffnung gefeiert werden.
Nochmal zum Balkon, das war schon etwas Einmaliges damals. Auch daran knüpft sich eine Erinnerung.
Die 13. Etappe der 19. Internationalen Friedensfahrt Prag-Warschau-Berlin führte am 23.05.1966 durch Grevesmühlen direkt unter dem Balkon entlang. Die Fahrer fuhren durch die Wismarsche Straße (damals Thählmannstraße) und August-Bebel-Straße also auf der 105, die damals noch durch Grevesmühlen ging. In der August-Bebel-Straße gab es eine Spurtprämie, die der sowjetische Fahrer Petrow vor Axel Peschel (DDR) gewann. Wir, das waren alle Kinder aus dem Haus (die 3 Gabrowski Mädchen, Andreas und ich) durften dieses Schauspiel vom Balkon beobachten. Damals bewohnten das Balkonzimmer noch die Eheleute Hösel, die uns alle einluden und Limonade und Kuchen spendierten. Der Balkon wurde danach irgendwann wegen Baufälligkeit abgerissen. Da ich mich daran nicht mehr erinnere, war es vielleicht schon nach 1976.
1993 besuchte Günther Krause unser Geschäft. Günther Krause war 1990 Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR und einer der beiden Verhandlungsführer beim Einigungsvertrag. Von 1991 bis 1993 war er Bundesminister für Verkehr. Danach erfolgte seine politische Demontage wegen zahlreicher Affären.
